Hey Sohn, was fällt dir spontan zu Spargel ein? “Beleidigung der Menschheit”, kommt es verschlafen am Frühstückstisch kaltgepresst aus dem 13-Jährigen heraus. Oh…, ganz schön bissig heute Morgen, denke ich – lasse die Wortwahl erst einmal still auf mich wirken und versuche, sie ohne direktes Nachhaken zu verstehen.

Ist es meine vererbte Morgenmuffeligkeit? Meint er vielleicht mich mit “Beleidigung der Menschheit”? Dass ich mich erdreiste, ihn zu so früher Stunde schon anzusprechen? Oder treibt ihn die Erinnerung des Vorjahres an den beißenden Uringeruch, den Majestät Spargel nach Verzehr merklich hinterlässt, zu dieser provokanten Aussage?

Sagt die Mutter nix, kann sie es nicht verstanden haben, drückt der Blick des Teenagers aus. Stimmt, ich kaue drauf rum, wie auf einem bei Schälen vergessenen Stück Spargelschale, das im Mund langsam bitter, holzig, klumpig wird. Das du aber auch nicht diskret in eine Serviette spucken kannst… weil… weil…. Man dem Gastgeber einfach nicht zu nahe treten will oder es sich im Restaurant nicht gehört… Mir fällt da viel ein, auch…

Der Turmfalke aus dieser schönen Tierdokumentation letztens. Wie er plötzlich Gewölle aus dem Schnabel entsorgt. Ich halte es wie er in jenen Situationen, täusche ein “dringendes Bedürfnis” vor, um allein im “stillen Örtchen” mit meinem Spargelschalengewölle fertig zu werden. Damit ist allen geholfen.

Und vielleicht bin ich da auch einfach zu empfindlich. Ich mag Spargel, eine Liebesbeziehung haben wir nicht, aber Beleidigung der Menschheit, das ist zu hart! Komm Junge, spann mich nicht auf die Folter, sag’s mir. Ein breites Grinsen hat sich in sein Gesicht geschlichen – er genießt die sich über meinem Kopf gebildeten Gedankenblasen aus Erinnerungsfetzen.

  • Spargel-Pipi: Zumutung, ja vielleicht auch Beleidigung der Menschheit – besonders für den Toilettennachfolger. Was war noch für den Schwefelgeruch verantwortlich? Asparagussäure? Spaltende Enzyme?
  • Begegnung am Buffet: Jemand schneidet alle Spargelköpfe ab und hebt sie auf seinen Teller. “Die schmecken Opa eben am besten”, antwortet der alte Mann in dritter Person für sich selbst und ist tatsächlich der Meinung, das wäre schon ok als Entschuldigung.
  • Bauernhofidylle: Hinterm Haus warten laaaange Reihen Spargel auf mich. Direkt nach der Schule, vor dem Abendessen noch einmal. “Kinderarbeit”, ruft mein Sohn schon beim Wäschekorb ausräumen! Ich gehe die Möglichkeiten durch, ihn als Spargelstechhilfe in den Osterferien anzumelden.
  • Unter Verdacht: Ritze an den Unterarmen. Erklär’ heute mal einem Lehrer, dass es sich nicht um eine Borderlinestörung handelt, sondern um missglückte Spargelschälversuche.

“Mensch Mama, Spargel ist wie Lauch, verstehste?”, holt mich der Junge aus meiner Traumwelt zurück. Nee. Schmeckt doch total unterschiedlich! Es folgt Augenrollen. Ach, klar! Doch. Der Name des Gemüses hält her für kombinierte Körperlänge und -fülle.

Spargeltarzan war auch in meiner Jugend schon Synonym für lange dünne Jungs, wo nicht alles richtig proportioniert schien. Die Hände der zu langen Arme an den Kniekehlen. Schlacksig der Gesamteindruck. “Wie ne Affenbande”, meinte letztens eine Freundin. Nagut, “du Spargel”, das kann als Beleidigung für EINEN Menschen aufgefasst werden. Ich verstehe.

Und was bist du Sohn? “Ein Ährenmann”, schnappt er sich den Rucksack, ist weg und lässt mich als Turmfalken zurück. Unter mir ein Kornfeld mit goldgelben, prall gefüllten Ähren.

Dazwischen ein kleiner Mann. Ein Ährenmann – das Haar borstig oben gestellt.

Ich kaue noch ein wenig drauf rum und schwinge mich aufs Rad. Liebe Spargelfreunde, seit einem Monat fahre ich jeden Morgen an einem Laden vorbei, der mit “Frischer Spargel. Ab sofort hier!” wirbt. Beim ersten Mal – es war der 8. März – ich weiß es noch genau, habe ich so abrupt abgebremst, dass mir das Hinterrad auf dem mit Tau benetzten Kopfsteinpflaster weggerutscht ist. Vor lauter… Verwunderung… dann Skepsis… Selbstzweifel schließlich. Bin ich vielleicht unbemerkt Opfer eines Zeitraffers geworden? Eines Zeitsprungs womöglich? Oder warum wird schon so früh Spargel verkauft? Noch vor dem offiziellen Frühlingsanfang? Kurzer Blick nach links und rechts. Ist da vielleicht ein ähnlich verwirrter Mitbürger, den ich nach dem aktuellen Datum fragen kann? Ich entscheide mich dagegen, habe ich doch am Frühstückstisch gerade noch Frauentagsgrüße von Freundinnen gelesen.

Schön langsam mit dem Spargel – alles hat seine Zeit

Ok, die Sonne schien, es lag ein bisschen Frühling in der Luft – aber Spargel Anfang März? Bis heute habe ich noch keinen gekauft, einfach nicht kaufen können. Meine Geschmacksknospen entfalten sich wohl doch irgendwie im Rhythmus der Jahreszeiten. Oder ich bin als Osterburger Kind zu verkopft, wenn es um die edlen schlanken Stangen aus der Erde geht. Was Osterburg damit zu tun hat?

HIER, in Osterburg, liebe Leute stand die Wiege des modernen Spargelanbaus. Jawohl! Und auf unergründliche Art macht mich das ein bisschen stolz. Auch wenn in der nordöstlichen Ecke der Altmark keine Spargelfelder mehr das Landschaftsbild prägen. Zumindest nicht so wie Spargelpapst August Huchel 1929 schrieb: “Wer heute die Tore unserer Stadt verlässt, ganz gleich ob nach Norden, Süden oder Westen: Spargelfeld reiht sich an Spargelfeld.” Und auch nicht so, wie ich es in Erinnerung habe: quasi als ungeschriebenes Gesetz der Kleingärtner oder ein, zwei Reihen hinterm Haus. Oder irre ich und bin nur in den falschen Ecken unterwegs? Mal sehen… Für alle Zahlenfans:

Statistik zum Spargel aus der Altmark

Die aktuellste Statistik zum Spargelanbau beim Statistischen Landesamt stammt aus 2017. In diesem Jahr wurden in Sachsen-Anhalt insgesamt 2.760 Tonnen Spargel geerntet und die Altmark trug maßgeblich dazu bei. Denn der Landkreis Stendal führt beim Datencheck die Tabelle nicht nur mit den meisten Spargelbetrieben an (es sind 16), sondern auch was die Fläche angeht. 214,7 Hektar für den Spargelanbau sind es um genau zu sein. Also etwa 220 Fußballfelder, wenn euch das wie mir bei der Vorstellungskraft ein wenig auf die Sprünge hilft. Und darauf wurden 819 Tonnen Spargel geerntet. Zum Vergleich: Im Altmarkkreis Salzwedel wurden 145,5 Tonnen von 6 Betrieben auf 38,7 Hektar Fläche geerntet. Hmh… gut… Ich weiß wieder warum ich bei der Statistikprüfung im Studium zweimal antreten musste und lasse das jetzt mit den Zahlen. Sie sprechen allerdings dafür, dass die Altmark noch immer Spargelhochburg im Landesvergleich Sachsen-Anhalts ist. Was das gefühlte Verschwinden der privaten kleinbäuerlichen Spargelreihen angeht – die Frage gebe ich an euch weiter. Empfindet ihr das auch so?

August Huchel – Spargelpapst

Na jedenfalls könnte ich als Osterburger jetzt eine ultimative Lobhudelei auf den Diplom-Landwirt August Huchel (1889-1963) anstimmen, was aus gegebenem Anlass in diesem Jahr auch angebracht wäre. Denn der Begründer der Spargelhochzucht in Osterburg würde in diesem Herbst seinen 130. Geburtstag feiern; sein Vermächtnis um die gesunde Feldfrucht den 90. Jahrestag. In den 1920er Jahren nähert sich der Mann dem Spargel von wissenschaftlicher Seite, experimentierte und probierte – gründete schließlich 1929 die Deutsche Spargelhochzuchtgesellschaft in Osterburg. Von der Altmark aus nahm der Transfer zur “Diva unter den Gemüsepflanzen” auf der Wissensautobahn schnell Fahrt auf und verbreitet sich in ganz Deutschland. Ach, was heißt Deutschland! Huchel hat sich europaweit einen Namen gemacht. So. Damit das mal klar ist.

Nicht mehr ganz so häufig findet man unter den auf Konformität im Aussehen, frühe Ernten und hohe Erträge getrimmten heute handelsüblichen Spargelsorten die “Alten”. Und zu ihnen gehört “Huchels Alpha” mit unvergleichlich nussigem Geschmack, wie es von Kennern im Umkreis heißt. Zur Rubrik “Nostalgie-Spargel” zählen auch “Huchels Leistungsauslese” (Bleichspargel) und “Huchels Schneewittchen” (Grünspargel). Heute hören Spargelsorten auf Namen wie Raffaelo, Ramires, Rapsody, Cumulus, Gijnlim oder Baklim. Wer weiß, vielleicht dreht sich das wieder wie bei den Kindervornamen… Das sind die “Alten” ja auch wieder sehr in Mode.

Spargel – die Diva unter den Gemüsepflanzen

Und ja, richtig. Diva! Denn Spargel lässt halt auf sich warten. Zwei, drei Jahre bevor die erste Ernte eingefahren – oder in dem Fall treffender gesagt – eingesteckt werden kann. Eine Diva, die als Gemüsespargel auf den lateinischen Namen “Asparagus officinalis” hört, was auf die heilende Wirkung des Spargels hinweist. Denn “officinalis” darf nur tragen, was medizinische Verwendung hat. Ein passendes Gewand. Vielleicht kommt ja auch die Diva in mir zum Vorschein, wenn es um das “weiße Gold” aus der altmärkischen Erde geht? Ich warte lieber, geduldig, bis der Spargel ohne “Feuer unterm Hintern” von sich aus das Köpfchen aus dem Boden hebt. Und nein, ich möchte niemanden belehren, es ist nur MEIN Spargelspleen.

Aber jetzt. Jetzt ist es soweit: Die ersten Spargelspitzen bohren sich durch die Erde. So wie bei einem Bekannten hinterm Haus in Meseberg, einer Ortschaft nahe Osterburg. Lila und Grün. Aha. Nix “weißes Gold”. Die Spargelsorte “Burgundine” kommt violett daher, soll kräftiger und würziger sein, sich beim Kochen dunkelgrün färben, lasse ich mir erklären. Spargelpflanzen der Sorte “Primaverde” sind grün, haben geschlossene Köpfe und einen höheren Vitamin-C-Gehalt. Der größte Vorteil aber: Du musst nur den unteren Bereich der Stangen schälen, Jana. Ok, weitere Überzeugungsarbeit überflüssig. Die Theorie habe ich sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen: Köpfchen fest, aber vorsichtig, zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen, die Hand so verdrehen, dass die Stange in der Handfläche und auf dem Unterarm ruht. Schäler oben ansetzen und ohne zu viel Druck nach unten fließen lassen. In der Praxis eher Note mangelhaft. Man hat sein tun in der nur kurzen Zeit der Spargelernte und sich entsprechend knapp in vier Worten merken lässt: “Kirschen rot, Spargel tot!” Lasst es euch schmecken bis dahin!

Tipps rund um den Spargel in Osterburg:

  • Stadt- und Spargelfest in Osterburg vom 10.-12.05.2019
  • Auf den Spuren von Spargelpapst August Huchel im Kreismuseum Osterburg (Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag: 09:00 – 12:00 und 13:00 – 16:00 Uhr / Sonntag: 14:00 – 17:00 Uhr / sowie nach Absprache)

Über den Autor

Bloggerin, Osterburg

Schreibgezeiten prägen mich. Vielleicht nicht gleich seit meiner Geburt 1977, aber zumindest seit der Schulzeit. Wandzeitungsredakteurin, Pressepussy, Online-Trulla, Zeitungstante, Blog-Poetin ;) Das Schreiben / Texten war schon immer meine Leidenschaft und wird es auch bleiben. Nach 17 Jahren in Köln und Düsseldorf jetzt wieder hier #inthemiddleofnüscht. Eine augenzwinkernde Liebeserklärung an die Altmark. Und eine Antwort auf die Frage: Wo kommst du eigentlich genau her, Jana? Web: in-the-middle-of-nuescht.de

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