“Da brat mir doch einer ‘nen Storch!”, was für ein Zufall, was für ein Glück. Für beides steht dieser Spruch und kam mir ewig nicht in den Sinn. Heute passt er wie nüscht. Sonntag, 3. März 2019, 14 Uhr – Thomas Koberstein legt das Handy neben den Plüschstorch aufs Armaturenbrett und streckt mir seine Hand zur Begrüßung mit einem Leuchten in den Augen entgegen, das nur jemand hat, der etwas mit Herzblut macht. “In Vissum ist gerade ein Storch angekommen, da muss ich hin!” Die freudige Aufregung überträgt sich sofort, elektrisiert. Ich verstehe sie nur zu gut. Denn die Passion des Salzwedlers nennt sich Storchenbetreuer.

Der Storch – ein Frühlingsbote

Überall wird aktuell auf die Ankunft der Störche in der Altmark gewartet. Der Storch – ein Frühlingsbote wie kein zweiter in der Luft. Einige wenige sind schon da. In seinem Gebiet, das sich

  • von Höwisch im Osten
  • bis Hohenböddenstedt im Westen und
  • von Hoyersburg im Norden des Altmarkkreises Salzwedel
  • bis zur Linie Diesdorf – Siedenlangenbeck – Kleinau als südliche Begrenzung zieht,

ist es der Erste. Was heißt DER Erste. Es ist eine SIE. Die Vissumer Brutstörchin der vergangenen zwei Jahre, 2014 im Bayerischen Herrieden beringt, in der westlichen Altmark aber lieber zu Hause. Ein gefiederter Wahl-Altmärker und Rückkehrer in einem 

Anziehungskraft Storch: Bindeglied der Dorfgemeinschaft

Der Virus “Storch” hat Thomas Koberstein vor sechs, sieben Jahren befallen. Seitdem breitet er sich aus und hat jede Zelle seines Ichs in Beschlag. “Das ist eine Berufung, da träumen Sie nachts von, können Sie glauben”, ja – nichts davon stelle ich infrage. Mich selbst faszinieren Störche. Ihr Anblick, wenn sie elegant über die Wiesen staksen. Ihr Anblick, wenn sie innig beieinander klappernd im Horst stehen. Ihr Anblick, wenn sie sich später liebevoll um ihren Nachwuchs kümmern. Ihr Anblick, wenn sie majestätisch durch die Luft schweben. Aber bitte nicht über meinen Kopf, den ziehe ich automatisch ein und muss dann über mich selbst lachen. “Fliegt ein Storch über deinen Kopf Mädchen, bekommst du ein Kind”, pflegte meine Uroma zu sagen. Und das ist nur eines der Mythen, die um den eleganten Zugvogel ranken. Was dran ist an der Anziehungskraft, an seiner “Fähigkeit, Menschen zu begeistern und zusammenzubringen”, weiß der altmärkische Storchenbetreuer Koberstein aus Erfahrung.

Ist ein Storch zu Gast, vereint das Leute im Dorf, die sonst nicht miteinander reden. Er ist wie ein Bindeglied der Dorfgemeinschaft.

 

Begeisterung für den Adebar

Was ihn gebunden hat, magisch anzieht, möchte ich wissen. “Ich bin mit Störchen im Ort aufgewachsen”, hier liegt die Wurzel der Begeisterung für den Adebar. 2011/2012 zieht ihn ein markantes Ereignis in den Bann. Zu jener Zeit ist Thomas Koberstein Gewässerwart beim Angelsportverein Salzwedel, zu dessen Bereich auch Teiche in Hoyersburg gehören. In dem kleinen Ortsteil wenige Kilometer nordöstlich der Hansestadt entkront damals ein starker Sturm eine Pappel. Ein Anblick, der mit Storchaugen betrachtet, verlockend aussehen muss, dem man nicht widerstehen kann. Die Horste der Gegend landen jedenfalls auf der Ignore-Liste. Zur Freude der Hoyersburger.

“Pappelstorch und Spätschlüpfer”: Hoyersburger Storch Adam I.

Ein Storchenhorst entsteht, bald lugt daraus der Schnabel eines Jungstorchs hervor. Der erste dort überhaupt. „Sein Taufname ist Adam I. Seine Beinamen Pappelstorch und Spätschlüpfer“, macht Thomas Koberstein eine kurze Pause und sieht mir beim offenbar sichtbaren „Schnapsen der Synapsen“ amüsiert zu. „Ah, Sie verstehen…“ Ja, Spätschlüpfer klingt nach antiquiertem Kleidungsstück  „Adam I. war ein SpätGEschlüpfter, ich habe mich in der Bezeichnung korrigieren lassen. Aber der Beiname ist geblieben“, betont der Storchenbetreuer, einer von vier im Altmarkkreis Salzwedel.

„Alles war ein bisschen spät dran“, erinnert sich Thomas Koberstein. Dazu anhaltend fieser Regen, der die Wiesen um Hoyersburg so matschig macht, dass die Feuerwehr mit der Drehleiter unmöglich an den Horst herankommt. Ausgerechnet dort, in der nordwestlichen Altmark – ein Gebiet, das eigentlich zur trockensten Ecke Sachsen-Anhalts zählt, weil es die geringste Dichte an Oberflächengewässer hat und damit auch für Störche nicht das idealste Nahrungsgebiet darstellt. Den ersten Hoyersburger Jungstorch aber einfach so in die weite Welt entlassen? Keine Alternative. Die findet sich auf dem Wirtschaftshof. Mit dem Hublader geht’s quer durch die Wälder. Adam I. bekommt sogar einen Peilsender.

Nordwestliche Altmark – die Grenze der ostziehenden und westziehenden Störche

Afrika ruft, die Zeit des Aufbruchs naht. Gebannt verfolgt Thomas Koberstein die erste große Reise seines schwarz-weiß gefiederten Schützlings, die nach einer langen Pause auf der Halbinsel Sinai zwischen Afrika und Asien am Fuß des Kilimandscharos endet. „Leider für immer, da hieß es Endstation für Adam I.“, bedauert Thomas Koberstein, der die Geschichte seines ersten Storches auch heute noch mit mit einem lebhaften Elan erzählt, dass damals nur Weitermachen infrage kommen kann. Da ist klar. So wie die Grenze, die in seinem Storchengebiet verläuft – nämlich zwischen ostziehenden und westziehenden Störchen.

Höchster Storchenhorst des Gebiets misst 20 Meter und liegt in Dähre

75 Nistmöglichkeiten haben die Störche in seinem Gebiet zur Auswahl, 20 Paare nutzen das Angebot. Vom mit 20 Metern höchsten Horst auf einem ehemaligen Industrieschornstein am Ortsrand von Dähre bis zum niedrigsten Horst mit gerade mal acht Metern.

Wir fahren vorbei an etlichen noch verlassenen Storchenherbergen, machen Halt an der Feldsteinkirche in Tylsen. Eine Kirche zum Verlieben, heißt es, seit sich dort ein Storchenpaar ein Nest baute. Oder auf dem Dach einer Frauenärztin – was mich an die nächste Sage / Volksweisheit denken und lachen lässt. Na klar, der Storch bringt die Kinder und auf dem Dach einer Gynäkologin hat er sinnbildlich fruchtbarsten Boden gefunden.

Ich bleibe dran am Storch und freue mich auf einen langen Sonnabend im Mai, „dann gehen wir auf Weißstorch-Wanderung und haben richtig was zu sehen“, verabschiedet sich Thomas Koberstein und hat es eilig. Das Klappern des Storchs in Vissum ist für ihn bis nach Salzwedel zu hören.

Bis dahin werde ich mir einen Storch häkeln

Jana


Über den Autor

Bloggerin, Osterburg

Schreibgezeiten prägen mich. Vielleicht nicht gleich seit meiner Geburt 1977, aber zumindest seit der Schulzeit. Wandzeitungsredakteurin, Pressepussy, Online-Trulla, Zeitungstante, Blog-Poetin ;) Das Schreiben / Texten war schon immer meine Leidenschaft und wird es auch bleiben. Nach 17 Jahren in Köln und Düsseldorf jetzt wieder hier #inthemiddleofnüscht. Eine augenzwinkernde Liebeserklärung an die Altmark. Und eine Antwort auf die Frage: Wo kommst du eigentlich genau her, Jana? Web: in-the-middle-of-nuescht.de

Kommentar schreiben

* Diese Felder sind erforderlich.

Kommentare

18.03.2019 | Rosl reddy

Liebe Jan ich freu mich immer von dir zu hören, lesen! Ich besuche jedes Jahr die Kraniche in Linum, mit dem Fahrrad bin ich zufällig mal in rühstädt gewesen. Was für eine verzauberte Gegend! dies Jahr werd ich mich den Kranichen in der altmark widmen, du nennst einige Dörfer, Danke!

11.03.2019 | Jörg

Endlich sind sie wieder da. Es ist immer ein Zeichen das der Frühling bald ansteht. Toll das es auch solche Menschen gibt.

Wir nutzen Cookies

Wir verwenden Cookies und Analyse-Tools gemäss unserer Datenschutzerklärung, um dir ein besseres Web-Erlebnis zu bieten.